„Ich dachte, ich wäre ein kleiner Gott“

chaftary1LIBANON Früher ließ Assaad Chaftary foltern und morden. Heute hat er Angst, dass die junge Generation seine Fehler wiederholt. Ein Gespräch über Kriegsschuld und Reue. Interview: Jannis Hagmann

erschienen: taz.die tageszeitung (Ausgabe vom 9. Februar 2013)

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Der Weg zu Assaad Chaftary ist kurvig. Ain Saade ist einer der Beiruter Vororte in den bilderbuchhaften Bergen der libanesischen Levanteküste. Kruzifixe und Marienstatuen prägen das Straßenbild. Auch wenn der Bürgerkrieg seit über zwei Jahrzehnten vorbei ist, weiß man im Libanon immer, wo man ist: in einem christlichen Vorort, einem alawitisch oder drusisch geprägten Bergdorf, in schiitischen oder sunnitischen Stadtbezirken. Chaftary öffnet die Tür seiner Untergeschosswohnung. Auf dem Wohnzimmertisch steht libanesisches Gebäck. Die Haushälterin bringt Kaffee.

sonntaz: Herr Chaftary, wann hielten Sie zum ersten Mal eine Waffe in der Hand?

Assaad Chaftary: Anfang der siebziger Jahre, bevor der Bürgerkrieg begann. Ich hatte meine erste Pistole in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon gekauft. Aber Sie werden lachen: Ich persönlich war irgendwie nicht dazu bestimmt zu schießen. Während des ganzen Krieges, 15 Jahre lang, habe ich keine Patrone abgefeuert.

Warum nicht?

Kämpfen war eine Nebenbeschäftigung. Eigentlich war ich im Geheimdienst der Christen und gehörte keiner Truppe an.

Als der Krieg 1975 ausbrach, waren Sie 20 Jahre alt. In den 1980ern stiegen Sie in die Führungsriege der Forces Libanaises auf, der wichtigsten christlichen Miliz. Woher hatten Sie Ihre politischen Überzeugungen?

Krieg beginnt nicht erst, wenn die Leute anfangen aufeinander zu schießen. Ich war in Gemmayze aufgewachsen, einem christlichen Stadtteil Beiruts, ging in eine christliche Schule und war umgeben von Kirchen. In meiner Klasse gab es zwar zwei oder drei Muslime, aber für mich waren sie Ausnahmen. Der wahre Muslim war der, von dem ich gehört hatte: ungebildet, arm, dreckig und faul.

Waren Sie mit den muslimischen Mitschülern befreundet?

Ich liebte meine muslimischen Mitschüler genau so, wie ich die anderen Muslime hasste. Noch heute bin ich mit ihnen befreundet. Aber wir Christen waren die, die den Libanon besaßen. Er war uns von den Franzosen mit der Unabhängigkeit 1943 geschenkt worden. Dazu schenkten sie uns Bildung, Lehrpläne und Schulen. Wir waren Bürger erster Klasse. Damals war das für mich selbstverständlich. Die Muslime waren Araber aus der Wüste. Wir sahen uns als Phönizier.

Fühlten Sie sich nicht arabisch?

Nein! Was glauben Sie denn? Ich war französisch-libanesisch-phönizisch. Westlich. Der Libanon war die christliche Nation schlechthin. Er war alles für mich. Und was ich nicht verstehen konnte: Der Libanon bedeutete den Muslimen nichts. Sie fühlten sich als Teil der Umma, der weltweiten muslimischen Nation.

Die arabische Einheit oder der Konflikt in Israel und Palästina waren damals emotional besetzte Themen für die Menschen in der Region. Den Christen im Libanon war all das egal?

Palästina war ein Konfliktpunkt. Die Muslime im Libanon fühlten sich als Brüder der Palästinenser. Wir Christen – nicht alle, aber die meisten – fühlten nichts. Als in den siebziger Jahren immer mehr Palästinenser mit Waffen, Geld und Truppen in den Libanon kamen, waren die Muslime bereit. Sie brauchten Unterstützung, um die Verhältnisse im Libanon umzukehren. Palästinenser und libanesische Muslime verbündeten sich und wurden unsere Feinde.

Also schlossen Sie sich der christlichen Miliz an, die später als Forces Libanaises eine wichtige Rolle spielte.

Die libanesische Armee war zu schwach, um die Christen zu verteidigen. Daher überlegte ich mit einigen Brüdern und Cousins, wie wir uns bewaffnen können und wem wir folgen sollen. Wir schlossen uns einer christlichen Partei an, die geheime Trainingslager in den Bergen organisierte. Als der Krieg losging, waren wir bereit.

Wollten Sie Krieg?

Ja! Es war sowieso klar, dass wir darauf zusteuerten. Hier ein Bombenanschlag, dort ein Mord. Es war wie heute. Der Krieg war abzusehen.

Der Krieg begann am 13. April 1975. Christliche Milizionäre überfielen einen Bus in Beirut und töteten 27 Palästinenser. Erinnern Sie sich an diesen Tag?

Es war ein Sonntag. Ich wohnte noch bei meinen Eltern und erhielt einen Anruf von meiner Partei, wo ich sei. „Zu Hause“, sagte ich. „Wo sind deine Brüder und Cousins?“ Wir sollten sofort kommen. Aber wir machten kaum etwas an diesem Tag. Ich war im letzten Jahr meines Ingenieurstudiums. Also reparierte ich einige alte Walkie-Talkies. Nichts Wichtiges.

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie heute an den Krieg denken?

Flüchtlingslager nach Überfällen. Leichen, die von Baggern abtransportiert werden. Tote Kinder mit einem Lächeln im Gesicht. Ich habe alles gesehen, wirklich alles.

Christliche Milizionäre haben Massaker in palästinensischen Flüchtlingslagern verübt. Waren Sie daran beteiligt?

Nein, nie. Ich war ja nicht Mitglied der Truppe. Aber ich sage nicht, dass Massaker stattgefunden haben. Ich weiß nicht, wie wir diese Ereignisse nennen können. Eines Tages sollten sich die Libanesen zusammensetzen und definieren, was man als Massaker und was als Kampf bezeichnen kann.

1982 in Sabra und Schatila, und zuvor schon in Karantina, töteten christliche Milizionäre Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Zivilisten. Würden Sie sagen, dass das keine Massaker waren?

Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Wer weiß, was dort passiert ist? Sie sprechen von zwei Massakern. Wenn Sie die als Massaker bezeichnen, dann gab es bestimmt 400 Massaker in diesem Krieg. Die einzigen bekannten Massaker sind die, an denen Christen beteiligt waren. Warum sprechen wir nicht über all die anderen? Wir Christen tragen immer noch die moralische Last des Krieges. Aber ich sage nicht, dass gar keine Massaker stattgefunden haben. Belassen wir es dabei.

In den achtziger Jahren stiegen Sie immer weiter in den Forces Libanaises auf. Sie schrieben einmal, Sie fühlten sich wie ein Gott.

Ich habe mich lange nicht wichtig gefühlt. Ich war ja im Geheimdienst, niemand kannte mich. Aber dieses Gefühl änderte sich, als ich irgendwann alles entscheiden konnte. Ich habe Autobombenanschläge geplant, Erschießungen, Giftattacken und solche Dinge. Ich dachte, ich wäre ein kleiner Gott, denn ich entschied, was richtig und was falsch war. Sogar die Christen rivalisierender Parteien sollten denken wie ich. Sonst musste ich sie bestrafen. Wenn du entscheidest, ob Menschen freigelassen oder weiter verhört werden, ob sie leiden müssen oder ihr Leben ausgelöscht wird, bist du dann nicht ein kleiner Gott?

All das haben Sie entschieden, aber niemanden selbst getötet?

Eine Person. Aber die Details erzähle ich ihnen nicht.

Waren Ihnen zivile Opfer egal, als Sie Ihre Angriffe planten?

Ja. Also, genau erinnere ich mich nicht. Ich glaube nicht, dass ich der Öffentlichkeit direkt Schaden zufügen wollte, dass ich zum Beispiel ein Auto nur so zum Spaß in eine Menschenmenge geschickt hätte. Ich habe mich auf meine Operationen beschränkt. Aber wenn sie zivilen Schaden anrichteten, dann hatte ich meine Prioritäten.

Haben Sie einmal über die Anzahl nachgedacht? Wie viele Menschen haben Sie umbringen lassen?

Was macht das denn für einen Unterschied? Einen oder tausend. Innerlich ist man nach dem ersten getöteten Menschen selbst tot.

Spielte das Christentum für Sie noch eine Rolle oder ist es auf dem Weg verloren gegangen?

Ich mag den Ausdruck „verloren gegangen“. Vor dem Krieg war ich ein guter Christ, aber irgendwann verschwamm die Grenze zwischen Politik und Religion. An dem Punkt war ich richtig verloren. Ich kämpfte für den Libanon und das Christentum, ohne zu unterscheiden. Den ganzen Krieg lang dachte ich, ich würde für Christus kämpfen, für die Kirche, für die Christen im Libanon und auf der ganzen Welt.

Gingen Sie in die Kirche, um zu beichten?

Ich habe Kleinigkeiten gebeichtet. Kleine, belanglose Dinge, die nichts mit dem Krieg zu tun hatten. Ich dachte, was ich im Krieg tat, wäre heilig.

Wann kamen Zweifel in Ihnen auf? Wann fragten Sie sich zum ersten Mal, ob da nicht etwas falsch läuft?

Später im Krieg, 1988, nachdem ich mich einer Gruppe namens Moral Re-Armament angeschlossen hatte. Heute sind sie als Initiatives of Change bekannt. Ich merkte, dass in dem, was ich machte, keine Liebe war.

Warum schließt sich denn jemand wie Sie solchen Friedensaktivisten an? Sie waren überzeugt von dem, was Sie taten – wann wuchsen die Zweifel?

Vielleicht wurden sie mir in den Weg gelegt. Es gab damals einen Coup gegen uns von einer rivalisierenden christlichen Gruppierung um Samir Geagea. Wir mussten unsere Gebiete verlassen und zogen in den Norden. Vom geliebten Führer wurde ich zum gehassten Verräter der Christen, zu einem Verlierer. Ich hatte alles verloren, Macht, Besitz, Stolz und Ehre. Selbst mit meinen Eltern konnte ich nicht mehr reden. Mitten in meiner Krise kamen diese Leute und sagten: „Wir wollen dir zuhören.“ Das Gefühl, wieder als Mensch akzeptiert zu werden, das zieht an.

Und da haben Sie begonnen nachzudenken?

Initiatives of Change organisierte seit 1984 Gesprächsrunden. Christen und Muslime redeten miteinander. Ich begann daran teilzunehmen und merkte, dass ich meine Feinde „sie“ oder bestenfalls „die Muslime“ genannt hatte. Aber in Wirklichkeit war dort ein Ahmed, ein Mahmud, ein Ali, mit Namen, Gesicht und Familie.

Kurz nach Ihrem persönlichen Wandel war der Bürgerkrieg vorbei. 1991 verabschiedete die Regierung ein Amnestiegesetz für die Kriegsverbrecher. Auch Sie wurden nie bestraft.

Ich bewege mich im rechtlichen Rahmen.

Gerechtigkeit blieb nach dem Krieg aber aus.

Einige Länder wählen den Weg der Wahrheit und Wiederversöhnung. Mein Land hat die Amnestie gewählt. Das ist auch eine Option.

Es ist die Option des Nicht-darüber-Redens. Haben Sie keine Angst, dass es in Zukunft noch Prozesse gegen libanesische Kriegsverbrecher geben könnte?

Hören Sie, ich beende dieses Thema jetzt. Ich bin durch zwei sehr harte Tribunale gegangen: durch das vor Gott und das vor mir selbst. Glauben Sie mir, kein Tribunal kann härter sein.

Wie ging es für Sie nach dem Krieg weiter?

Beruflich habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Oft wollen die Leute wegen meiner Vergangenheit nicht mit mir arbeiten. Ich habe eine kleine Summe, von der ich lebe, aber das ist nicht befriedigend. Zurzeit arbeite ich noch mit einem Freund zusammen. Wir verkaufen Waffen.

Sie verkaufen Waffen?

Ja, aber nur an den Staat. Mein Freund verkauft sie auch an Jäger, ich ausschließlich an die Sicherheitsbehörden. Es ist besser, eine Waffe an einen Polizisten zu verkaufen als tausend an irgendeine Gruppe. Nach meinem Wandel, den beiden Tribunalen, trage ich keine Waffen mehr. Ich fasse sie nicht an. Ich hasse Waffen.

Aber mit ihnen handeln, das können Sie?

Vielleicht ist es besser, als zu Hause rumzusitzen. Es ist eine weitere Sache, die ich ausprobiere. Aber große Hoffnungen habe ich nicht.

Im Jahr 2000, zehn Jahre nach dem Krieg, gingen Sie an die Öffentlichkeit. Sie entschuldigten sich in der Presse bei all Ihren Opfern. Wussten Ihre Freunde über Ihre Vergangenheit Bescheid?

Nicht einmal meine Frau kennt heute die Details dieses Lebensabschnitts. Sie war damals zu Hause oder in ihrem Büro, und ich habe meinen Job gemacht. Ich habe ihr während des Kriegs nie erzählt, was ich mache.

Wie hat sie auf Ihre Entschuldigung reagiert?

Sie ermutigte mich. Ich kam eines Abends nach Hause und fing an zu schreiben. Ich schrieb vier Seiten voll und gab es Marie. Sie sagte: „Was willst du damit machen?“ Ich sagte: „Veröffentlichen“. Dann las sie es noch einmal und sagte: „Okay, du hast meine Unterstützung.“

Warum hat es so lange gedauert, bis Sie die Worte „Ich entschuldige mich“ über die Lippen brachten?

Glauben Sie, es ist einfach, eines Tages zurückzublicken, nur Blut, Zerstörung und Leichen zu sehen und sich selbst zu sagen: „Assaad, du lagst falsch“?

Die Libanesen haben den Bürgerkrieg bislang nicht aufgearbeitet. Heute nehmen konfessionelle Spannungen wieder zu und viele schauen sehr skeptisch in die Zukunft. Was empfinden Sie, wenn in den Nachrichten über Zusammenstöße zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionsgruppen berichtet wird?

Es ist wie ein Déjà-vu. Mit wenigen Worten kann heute ein Politiker oder ein religiöser Gelehrter die Jugend aufstacheln – mit Fanatismus und bescheuerten Ideen! Und die jungen Christen sehen sich noch immer als Phönizier. Sie sind auf dem besten Weg zu einem neuen Bürgerkrieg.

Und in der Politik haben immer noch ehemalige Warlords wie die heutigen Parteivorsitzenden Samir Geagea, Michel Aoun oder der Parlamentspräsident Nabih Berry das Sagen.

Ich mag das Wort Warlord nicht. Sie waren Verantwortliche im Krieg, keine Warlords.

Sehen Sie sich auch nicht als Warlord? Sie waren ein enger Vertrauter von Elie Hobeika, der die Forces Libanaises zwischenzeitlich anführte.

Nein. Ich wollte nie eine öffentliche Person sein oder Leute um mich scharen. Ich wollte Effizienz und Ergebnisse und der Gegenseite Schaden zufügen.

Was wäre die richtige Bezeichnung für einen wie Sie damals?

Ich kann dem keinen Namen geben, heute sehe ich das ja alles anders. Damals hätte ich wahrscheinlich gesagt, ich sei ein „Chevalier“, ein Ritter für die Sache, ein Ritter für den christlichen Libanon.

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