„Die humanitäre Hilfe scheitert“

SYRIEN Sexualisierte Gewalt gehört zum syrischen Kriegsalltag. Nach der Flucht in die Nachbarländer werden die Frauen mit ihren Erfahrungen allein gelassen, sagt Marcy Hersh, Expertin für Kinder- und Frauenrechte bei „Refugees International“

Jannis Hagmann: Frau Hersh, Sie haben mit Flüchtlingen und Hilfsorganisationen in den Nachbarstaaten Syriens gesprochen. Wie geht es den Frauen in der Flüchtlingskrise?

Marcy Hersh: Die Mädchen und Frauen flüchten vor einer entsetzlichen Situation. Der Krieg in Syrien wird auf ihren Körpern ausgetragen. Geschlechtsbezogene Gewalt ist sehr weit verbreitet, inklusive körperlicherÜbergriffe und Vergewaltigungen. Die Frauen suchen Schutz in der vergleichsweise sicheren Türkei, in Jordanien, Libanon und Irak. Aber es bricht mir das Herz, denn die humanitäre Hilfe scheitert und bietet keinen adäquaten Schutz für Frauen.

In den Nachbarländern wird für Frauen mit solchen Erfahrungen nichts getan?

Zu wenig. Wer etwa in der Türkei in ein Krankenhaus gehen will, muss zahlen. Die Krankenhäuser sind extrem überfüllt und die meisten Ärzte sind Männer. Das alles hindert Frauen daran, Hilfe zu suchen. Die türkische Regierung hat den Schutz von Frauen und Mädchen aus den Augen verloren.

Wie könnte diesen Frauen denn konkret geholfen werden?

Nach einer Vergewaltigung brauchen Frauen eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe gegen HIV und Mittel, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Daneben fügt sexualisierte Gewalt emotionalen Schaden zu. Besonders in der syrischen Gesellschaft, in der Vergewaltigung als Angriff auf die Familienehre angesehen wird, braucht man einen Psychologen und eine Gemeinschaft von Frauen, die ähnliches erlebt haben. Schließlich ist wirtschaftliche Unterstützung notwendig. Wenn den Frauen Geld oder Jobs gegeben würden, müssten sie nach der Flucht nicht zu Mitteln wie Überlebenssex greifen, also Sex im Tausch gegen Hilfe oder Zugang zu Dienstleistungen. Auch frühe Heiraten würde das verhindern.

Frühe Heiraten aus Geldnot?

In einigen Fällen verheiraten Eltern ihre Töchter, damit sie einen Magen weniger zu füllen haben. In anderen wird die jüngste Tochter an einen Hausbesitzer verheiratet – ein Mädchen als Mietzahlung, denn die Unterkunft außerhalb der Lager, im Libanon zum Beispiel, ist eine hohe finanzielle Belastung. Außerdem schützt frühe Heirat vor Vergewaltigung. Daher verheiraten viele Familien ihre Töchter bereits im Alter von zwölf oder 13 Jahren. Und schließlich ist das Leben in Lagern wie Saatari, dem großen Camp in Jordanien, so belastend, dass Familien ihre Töchter allein deshalb verheiraten, um ihnen das Leben im Lager zu ersparen.

Die Lebensbedingungen im Saatari-Camp haben international viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wie leben Frauen und Mädchen in dem Zeltlager?

Saatari entspricht nicht den humanitären Richtlinien. Die Duschen zum Beispiel aben keine Türen. Jeder, der vorbeiläuft, kann hineinschauen. Frauen fühlen sich nicht sicher unter Bedingungen, die so wenig Würde und Privatsphäre gewähren. Auch die Sicherheit im Camp ist mangelhaft. Es gibt bewaffnetes Personal vor den Toren, aber nicht im Lager selbst. Wenn du Hilfe suchst, weil dein Ehemann dich schlägt oder weil junge Männer dich bedrohen, gibt es niemanden, an den du dich wenden kannst.

Richtet sich ihre Kritik an das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das die Flüchtlingshilfe koordiniert?

UNHCR macht einen enorm schwierigen Job. Leider hat die Organisation nicht genügend Geld speziell für Maßnahmen gegen geschlechtsbezogene Gewalt zur Verfügung gestellt. Auch gibt es in den UNHCR-Büros in Jordanien, Irak und der Türkei kein hochrangiges Personal, das sich mit geschlechtsbezogener Gewalt befasst. Jeder versucht, die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen zu berücksichtigen. Wenn es aber niemand direkt macht, dann passiert es einfach nicht.

Marcy Hersh ist Expertin für Kinder- und Frauenrechte bei der US-amerikanischen Flüchtlingsorganisation „Refugees International“. Für eine Studie besuchte sie Flüchtlinge und humanitäre Organisationen in Jordanien, Irak und der Türkei.
Das Interview wurde im November 2012 geführt.
Advertisements